Kreidezeit

Annette Tietenberg

 

In der Kreidezeit müssen gewaltige Verschiebungen auf der Erde stattgefunden haben. AmEnde des Mesozoikums wechselten sich Phasen großer Hitze mit eisigen Kältewellen ab. Kontinentalplatten drifteten auseinander und kollidierten, Gebirge wie der Himalaya, die Alpen, die Anden und die Rocky Mountains türmten sich auf, Meteoriten schlugen ein, Vulkane schleuderten Lava in die Lüfte, die Polkappen schmolzen, die Wasserspiegel stiegen an und die Meere überfluteten weite Teile des Landes. Kolossale Saurier verschwanden, während anpassungsfähige Säugetiere sich allmählich ausbreiteten. Im Namen der Epoche klingt eine solche Dynamik, ja Dramatik nicht an. Die Bezeichnung Kreidezeit leitet sich vielmehr von einem geologischen Speichermedium ab, das fixierte Lebensformen zu überliefern imstande ist. Angesichts der im Kalkstein des Rheinlandes und des Pariser Beckens für immer eingeschlossenen Krebstiere, Korallen, Muscheln, Schnecken und Einzeller entschied sich der belgische Forscher Jean Baptiste Julien d’Omalius d’Halloy im Jahr 1822 dafür, dem gesamten Zeitalter entsprechend der von Fossilien durchsetzten Gesteinsformationen das lateinische Wort „Cretaceum“ anzuheften.

In Tuğba Şimşeks Zeichnungen führen mehr oder minder archaische und mythische

Kreaturen wie der Ameisenlöwe, die Hyäne, der Walfisch, der Wildesel und der

Goldregenpfeifer ein schemenhaftes, auf ihre Umrisse reduziertes Nachleben, das sich

gleichfalls dem Zeitspeicher Kreide verdankt. Statt – in Beuys’scher Tradition – in

aufklärerischer Manier Namen, Begriffe und Diagramme mit Kreide an die Tafel zu

schreiben, ruft Tuğba Şimşek mittels Kreidelinien halb vergessene Naturgeschichten und

schwach nachglimmende Erinnerungen wach, ja, sie zeigt, dass selbst das Löschen von

Kreidespuren eine Spur hinterlässt. Oftmals dient ihr schwarzer Tafellack als malerischer

Grund, der sich untrennbar mit der Ausstellungswand verbindet. Darauf breitet sich eine

wolkig-weiße, von Schlieren durchzogene Schicht aus verwischter Kreide aus, die wiederum ein Geflecht von mehr oder weniger willkürlich anmutenden gelben, hellblauen und rosaroten Bögen hinterfängt. Man mag diese flüchtigen und unbeständigen Zeichen, die ins Ungefähre und Ungewisse verweisen, als Reminiszenz an eine hügelige Landschaft deuten, zumal ihre Blindzeichnungen sich erklärtermaßen der Begegnung mit den sagenumwobenen Vulkanen, Geysiren und Basaltsäulen auf Island verdanken. Man mag ihr Gewordensein auf den Nachschein eines Ereignisses, auf das anwesend Gewesensein des Körpers der Künstlerin zurückführen, die mit jeder Geste ihre Erinnerungsfähigkeit herausgefordert und ihren Aktionsradius erweitert hat. Nur unterschätzen sollte man sie nicht, die Macht der Kreidezeichen, die so leicht, so suchend, so zögerlich, so vergänglich daherkommen. Wie Henri Bergson und Christine Buci-Glucksmann in ihren Schriften dargelegt haben, wohnt einer Ästhetik des Ephemeren stets die Möglichkeit inne, die geltenden Vorstellungen von einer Chronologie der Zeit zu durchbrechen, um einer fließenden, pluralen Zeit der vierten Dimension mit ihrer unvollendeten, offenen Vergangenheit und ihrer a-präsentischen Gegenwart den Vorzug zu geben. Was also, wenn die Kreidezeit gar nicht vorüber ist?

 

 

 

 

Braunschweiger Bestiarium

Andreas Bee

 

Die fünf großformatigen, auf altertümlich anmutenden schultafelähnlichen Tableaus gesetzten Zeichnungen von Tuğba Şimşek scheinen aus der Zeit gefallen zu sein. Sie erzählen in Traumbildern von Wesen, die wir weitgehend aus unserer aufgeklärten Welt verdrängt haben. Hier werden Tiere in Szene gesetzt, die von einer zweiten Realität jenseits unserer gängigen Weltvorstellung künden. Sie stellen, da sie nun einmal auf den Bildern Form angenommen haben, die Frage nach unserem Verhältnis von Wahrheit und Illusion und schließlich nach einem tieferen Selbstverständnis: Ist das moderne Ich noch zu retten? Oder hat unser vernunftbestimmtes Leben auch die letzten kleinen Götter entthront? Wird sich unsere Wahrheitsbesessenheit möglicherweise am Ende gegen uns wenden? Ist die Illusion nicht doch ein lebensnotwendiges Elixier, das wir brauchen wie die Luft zum Atmen?

Was Tuğba Şimşek vorlegt, ist etwas, das dem Mythischen nahe steht, etwas, „bei der die Wirklichkeit an einem Charisma teilhat, ja erst von ihm her ihren Sinn und ihre Wirklichkeit empfängt.“ Vielleicht denkt der Betrachter an eine „Tiersymbolik, die ihm auf romanischen Säulenkapitellen und in gotischen Tympana so verwirrend entgegentritt: fremd und doch bis zur Beunruhigung bewegend, bedeutsam, wenn auch oft schwer zu deuten, beziehungsreich und einem Vokabular vergleichbar, das er zwar nicht mehr beherrscht, von dem er aber ahnt, daß ehedem die Menschen in seinem Besitz eine Fülle von Vorverständigung und Erlebnisgemeinschaft besaßen.“

Der Text des ,Physiologus’, dem die folgenden Beschreibungen entnommen sind, stammt aus einer Zeit, die wir die Antike nennen. ‚Physiologus’, das heißt: ‚der Naturkundige’, aber die Tiere, die hier in Sprachbildern erscheinen, sind, wie die von Tuğba Şimşek gezeichneten Wesen, „so wenig ‚Tiere’ im Sinne der Biologie, wie der Stein des Weisen ein mineralogisches Faktum oder so wenig, wie das Gold des Alchimisten ein chemisches Element ist.“ Und wie der Text durch seine äußerste Verknappung vereinnahmt, so bestechen die Zeichnungen als Konturen ohne Füllung. 

 

 

Der Goldregenpfeifer

 

Der Physiologus hat über ihn gesagt, er sei ganz weiß und keinerlei Schwärze an ihm. Und sein Kot heilt die blödsichtigen Augen. Und an den königlichen Höfen ist er zu finden. Und wenn jemand krank wird, dann erkennt man mit seiner Hilfe, ob der Kranke sterben wird oder gesund werden. Man bringt ihn nämlich zu dem Kranken und setzt ihn vor diesen auf das Bett hin; ist nun die Krankheit des Menschen zum Tode, dann wendet der Regenpfeifer sein Gesicht von dem Kranken ab, und alle erkenne, daß er stirbt. Ist aber die Krankheit des Menschen zum Leben, dann schaut der Regenpfeifer unverwandt nach dem Kranken, und der Kranke nach dem Regenpfeifer, und dieser öffnet seinen Schnabel über des Menschen Mund und trinkt die Krankheit in sich hinein und fährt hoch zur Sonnen und verbrennet seine Unkraft und macht sie zunichte, und der Kranke genest.

 

 

Der Wildesel

 

Zur Zeit, da die Eselsstuten werfen, geht der Leithengst, der Vater, reihum und untersucht jedes Fohlen. Und wenn ein männliches geboren wurde, dann beißt er ihm die Hoden ab, damit es keinen Samen bekommt. Und von ihm haben auch die Perser Eunuchen machen gelernt.

 

 

Der Walfisch

 

Ist fürwahr ein Ungetüm im Meer, heißt Walfisch, der hat zwei angeborene Eigenarten.

Seine erste Eigenart ist dies: Wenn er Hunger hat, tut er seinen Mund auf und jeglicher Wohlgeruch kommt hervor aus seinem Munde. Und da treiben die kleinen Fische ihm zum Munde schwarmweise, und er schlürft sie hinab. Jedoch die großen und ausgewachsenen Fische findet er nicht, denn sie kommen ihm nicht nahe.

Seine andere Eigenart ist diese: Ganz groß ist das Ungetüm, gleich einer Insel. Aus Unkenntnis machen die Seefahrer ihre Schiffe daran fest wie an einer Insel, und die Anker und die Pflöcke, und gehen heraus wie auf eine Insel, und zünden Feuer an um ihre Speise zu kochen. Wenn es nun dem Untier heiß wird, taucht’s hinab in die Tiefe, und reißt in die Tiefe hinab das Schiff mit Mann und Maus.

 

 

Die Hyäne

 

Das Gesetz spricht: Iß nicht die Hyäne, noch was ihr gleicht. Der Physiologus hat von ihr gesagt, sie sei mannweiblich, nämlich zu Zeiten männlich, zu Zeiten weiblich. Sie ist ein beflecktes Tier wegen dieses Wechsels ihrer Art.  

 

 

Der Ameisenlöwe

 

Der Physiologus sagt, dieser habe das Anlitz eines Löwen, und das Hinterteil der Ameise. Sein Vater ist ein Fleischfresser, aber seine Mutter verzehrt Spelzen. So sie nun miteinander dem Ameisenlöwen zeugen, zeugen sie ihn als ein Wesen zweierlei Art; und er kann nicht Fleisch fressen wegen der Art seiner Mutter, und nicht Spelzen wegen der Art seines Vaters. So geht er nun zugrunde darum, daß er keine Nahrung hat.

 

 

Sämtliche Zitate stammen aus der Textübertragung und dem Nachwort von Otto Seel: Der Physiologus, Zürich und München, Artemis Verlag, vierte Auflage 1983